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Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems
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  Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems
 
 
 
Deutschland in der Erschöpfungsspirale
 
Wie die Psycho-Dynamik von Corona Deutschland weiter lähmt und warum die Öffnung in den Köpfen beginnen muss

Neue auf Tiefeninterviews basierende Analyse des psychologischen Institut concept m beschreibt die Hintergründe der aktuellen Erschöpfungsdepression der Deutschen und prognostiziert eine weiterhin unsichere Entwicklung

Der jüngste Krisengipfel der Bundesregierung offenbarte erneut, wie bereits seit Monaten im Wochentakt um den Krisenkurs gerungen wird: Mehr Lock-Down oder mehr Öffnung – angesichts der verschleppten Impfkampagne und der verzögterten Teststrategie ist weiterhin kein klares Zielbild vor Augen. Und nun droht die 3. Welle. Und das Vertrauen der Bevölkerung, dass Ankündigungen tatsächlich umgesetzt werden, ist stark beschädigt.

Deutschland ist von einer Ermüdung erfasst, die wie Mehltau über dem Land liegt. Verunsicherung ist das verbreitete Gefühl. Selbstwirksamkeit und Initiative scheinen gelähmt. V.a. der „öffentlichen Hand“ traut man derzeit wenig zu. Die viel gerühmte Stunde der Exekutive scheint vorbei.In unseren Tiefeninterviews beobachten wir, dass Deprivation und latente Angst eine toxische Gefühlsmischung

eingehen. In klinisch-psychologischen Begriffen kann man konstatieren, dass als Reaktion auf die Corona-Krise eine Anpassungsstörung eingetreten ist, die in einer Erschöpfungsdepression mündet. Die Menschen können einfach nicht mehr...

Ob der neue Stufenplan der Ministerpräsidentenkonferenz die Stimmung verbessert und neue Hoffnung stiftet, ist ungewiss. Denn die Beschlüsse stehen unter Vorbehalt und die bedingte Lockerung des Lock-Downs kann schnell wieder zurückgenommen werden.

Grafik Erschöpfungsspirale
Was aber ist genau in den vergangenen Wochen schiefgelaufen?

Ausgangspunkt der noch immer wirksamen Erschöpfungsdepression ist der erklärte Führungsstil des Auf-Sicht-Fahrens. Man will keine Versprechen machen und Hoffnungen wecken, die sich bei Veränderung der Lage zerschlagen. Auf Sicht fahren heißt, sich im Nebel vorsichtig vorantasten – in unsicherer Lage nichts riskieren, Doch diese Methode hat eine Kehrseite: Passivität wird zur Grundhaltung der Krisenbewältigung. Die Politik enttäuscht die Bürger, weil sie den Eindruck macht, nicht zu agieren, sondern immer nur auf die ständig neuen Bedrohungsszenarien zu reagieren.

Die Reaktionen kamen meist spät, wenn nicht gar zu spät: In der ersten Welle hat man zu spät Masken organisiert, die leicht vorhersehbare zweite Welle traf uns wie eine Überraschung, im November kam der Lock-Down zu spät und war zu lasch, die vorhersehbaren Probleme der Impfstoffproduktion wurden ignoriert, die Optionen massenhafter Schnelltests stiefmütterlich behandelt. Ständig neue Bedrohungsszenarien – und gefühlt verspätete Reaktionen.

Wie aber kam es zu dieser eigentümlichen Verkettung von Fehlleistungen? Hier spielt eine Eigenheit der aktuellen deutschen Mentalität eine starke Rolle: Deutschland ist gefangen im Debattenkarussell, weil das Mind-Set vorherrscht, Probleme eher zu zerreden als sie aktiv und pragmatisch anzugehen.

Symptomatisch dafür ist die Endlos-Talkshow-Schleife im deutschen Fernsehen: Hier wird das Grundrauschen eines Dauerpalavers inszeniert, bei dem alle Standpunkte konsequenzenlos gegenübergestellt werden. Forderungen stehen Bedenken gegenüber, Lauterbach legt sich mit Streeck an, Strategie reibt sich mit gegensätzlicher Strategie und der Wirtschaftsminister Altmaier betont, dass alles Erdenkliche getan wird.

Abseits von den Debatten richtet sich der Normalbürger mit seinen Einschränkungen ein und arrangiert sich. Man versucht so gut wie es geht, in engen Großstadtwohnungen Home-Schooling und Home-Office zugleich zu managen. Man versucht, Freundschaften, Familienkontakte und Vereinsleben über Zoom-Konferenz am Leben zu halten. Man plant eine Fahrradtour statt Osterurlaub. Man ergattert einen Friseurtermin Anfang April. Oder flieht nun nach Mallorca.

Der Normalbürger erlebt die Fehleinschätzungen und Fehlplanungen der Politik (Masken, Impfkampagne, Schnelltests) als unverzeihliche Versäumnisse und als einen Verrat an dem Vertrauensvorschuss, den er den Regierenden entgegengebracht hat. Das verordnete Still-Halten als erste Bürgerpflicht wird nicht mehr mitgetragen. Die Meinungsumfragen zeigen, dass die Stimmung nach einem Jahr in Richtung Misstrauen und Kritik kippt. Wenn es schlecht läuft, drohen tschechische Verhältnisse, bei denen die Regierung jegliches Vertrauen verloren hat und sich keiner an Maßnahmen und Regeln hält.

Die Faktoren verketten sich in fataler Weise zu einer Endlos-Schleife (siehe Grafik).

Wie die Öffnung in den Köpfen beginnt

Der Weg raus aus der Erschöpfungsdepression beginnt in den Köpfen. Um aus der aktuellen Endlosschleife der ermüdenden Verarbeitungsmechanismen herauszukommen, ist es notwendig, eine Reihe von festgefahrenen Mentalitätsmustern aufzubrechen, die für die Krisenlage kontraproduktiv sind.

Fokus auf pragmatische Lösungen: Insbesondere die Medien sollten über erfolgreiche Modellprojekte informieren, aufzeigen wie tatkräftige, pragmatische Lösungen vor Ort funktionieren und zu Mitmach-Aktionen animieren. So wird der Schalter von Passivität zu Aktivität umgelegt.

Zentralisierung statt Kompetenzwirrwarr: Ursächlich für viele Versäumnisse ist, dass der föderalen Kompetenzwirrwarr Entscheidungsschwäche begünstigt. Eine Reform der Zuständigkeiten und der Entscheidungsgewalt in Krisenzeiten ist vonnöten.

Verantwortung übernehmen statt Delegation: Die aktuellen Wirkungsfaktoren verstärken die passiven Muster der erlernten Hilflosigkeit und schwächen die Muster der gelernten Selbstwirksamkeit. Um aus dieser Falle herauszukommen, ist es notwendig, immer aufs Neue an die Selbstverantwortung zu appellieren und verantwortungsvolles Verhalten zu belohnen. Ein Beispiel: Wer sich häufig testet, bekommt das Privileg, mehr Geschäfte, Kulturveranstaltungen und Restaurants aufsuchen zu können.

Bedenkenträgerkultur minimieren: Länder wie England, Israel und jüngst auch die USA zeigen, dass eine pragmatische, anpackende Art in der Krise angemessen ist. In Israel wird auch bei Ikea geimpft, in den USA im lokalen Supermarkt. Endlose Debatten der Ethik- und Impfkommission über Prioritäten und Reihenfolgen, während gleichzeitig hunderttausende Impfdosen liegen bleiben, wären in den genannten Ländern nicht denkbar. Ein Durchbruch in dieser Hinsicht geht auch von den jüngsten Krisengipfel nicht aus. Es werden neue „Task-Forces“ gebildet, die Verantwortung wiederum verschoben.

Risikobereitschaft vor Sicherheitsdenken: Das Scheitern der Corona-App zeigt, dass die Mentalität, jedes Risiko zu vermeiden und vorauseilend auf Sicherheitsbedenken zu achten (selbst wenn sie gar nicht bestehen), zum Stillstand führt. Die Bürgermeister von Tübingen, Rostock und Münster haben deshalb außerordentliche Erfolge bei der Pandemie-Bekämpfung erzielt, weil sie den Mut zeigen, erst einmal Dinge auszuprobieren und in Modellprojekten Lösungswege ausloten, auch wenn beispielsweise Datenschutzbedenken nicht hundertprozentig ausgeräumt sind.

Von Dirk Ziems und Thomas Ebenfeld, Managing Partner concept m